Du willst TätowiererIn werden? Was du dazu brauchst, hat City&Life-Praktikantin Hannah bei Michl herausgefunden. Er ist Tätowierer und Besitzer des Studios „Tattoo&Art“ in der Alser Straße in Wien-Josefstadt.

6. Aug. 2012PrintArtikel senden

City & Life: Warum bist du Tätowierer geworden?
Michl, Besitzer von „Tattoo&Art“: Das hat bei mir schon recht zeitig angefangen. Schon als Kind war ich immer sehr kreativ und habe eigentlich mehr Zeichnungen als Aufgaben in meinem Heft gehabt. Und eigentlich ist das auch erblich bedingt: Bei uns in der Familie sind sehr viele kreative Leute und MalerInnen vertreten, da hat sich das schon aus der Wiege heraus entwickelt.

Tätowieren an sich ist bei mir aktuell geworden, weil in meiner Familie BikerInnen dabei gewesen sind. Ich bin seit frühester Jugend natürlich in Kreisen unterwegs gewesen, wo das Tätowieren halt schon publik war. Ich bin also relativ zeitig mit dem konfrontiert worden, so dass ich gesagt habe, ich möchte das auch machen. Als ich dann 13 war, hab’ ich mir das Tätowieren step by step selber beigebracht. Und so ist das Ganze losgegangen.

Welche Ausbildung gibt es?
Es gibt in diesem Sinn keine Berufsausbildung, also es ist kein Lehrberuf. Es gibt aber sehr wohl Richtlinien und den Gewerbeschein, den man machen muss. Da gibt es dann Prüfungen, sei es theoretisch, praktisch oder auch medizinisch. Die Dauer hängt von der Begabung des Einzelnen ab. Drei bis fünf Jahre sind es in den meisten Fällen. Manche sind halt schneller und manche schaffen es sogar nie.

Was braucht man, um ein (guter) Tätowierer bzw. eine gute Tätowiererin zu werden?

In erster Linie sollte man ein künstlerisch sehr begabter Mensch sein. Man hat nichts davon, wenn man Fotos abzeichnet, nachdruckt und der Kundin oder dem Kunden „absticht“. Man muss eigene Entwürfe machen können, auf den Wunsch der Kundin bzw. des Kunden eingehen und das Ganze halt dann wirklich selbst verwirklichen. Wichtig ist auch die beratende Tätigkeit. Also vorher mit der Kundin oder dem Kunden ein Beratungsgespräch machen, um das Ganze entwickeln zu können.

Muss jede Tätowiererin bzw. jeder Tätowierer selbst auch tätowiert sein?
Es gibt sehr wenige Tätowiererinnen und Tätowierer, die nicht tätowiert sind. Es gibt welche, aber es ist halt sehr selten. Meistens ist es eben so, dass man, wenn man sein erstes Tattoo bekommt, den ersten Kontakt hat.

Was ist dein eigenes Lieblingstattoo?
Mein wichtigstes Tattoo ist auf meiner rechten Hand, wo auftätowiert ist „Las Vegas“ und das Hochzeitsdatum von mir und meiner Frau. Wir haben in Las Vegas geheiratet und daher hat das einen tiefen Sinn. Auch das Porträt meiner Mutter auf meiner Brust, die leider vor ein paar Jahren verstorben ist. Als Erinnerung. Das sind meine emotionalsten Tattoos.

Was ist das Besondere an deinem Job?
Für mich ist das Besondere, jeden Tag einer neuen Herausforderung zu begegnen. Jeden Tag das Gleiche wäre eigentlich nix für mich. Also ich bin ein sehr kreativer Mensch und weiß, dass ich meine Herausforderungen brauche und genieße – dass jede Kundin und jeder Kunde eine neue Challenge ist. Es ist irrsinnig schön für Menschen, die planlos sind, zu zeichnen und zu entwerfen. Das ist eine irrsinnig erfüllende Sache für mich. Das ist nicht nur ein Job, sondern eine Berufung irgendwo.

Was bedeutet dir das Tätowieren?
Es ist ein Ausdruck meiner Kreativität. Es ist auch eine gewisse Verantwortung zu übernehmen: Denn jede Kundin und jeder Kunde, die bzw. der kommt, bringt dir ein riesen Vertrauen entgegen. Und dementsprechend muss man das Vertrauen behandeln und zu schätzen wissen. Ein Tattoo ist etwas, das man bis zu seinem letzten Atemzug und darüber hinaus behalten wird. Deshalb sollte man schon wissen, was man macht. Der Job verlangt auch sehr viel Ruhe und Einfühlungsvermögen.

Was magst du am meisten an deinem Leben als Tätowierer?
Für mich beinhaltet jeder Tag einen neuen, guten und besten Moment. Ich freue mich immer darauf, ins Studio arbeiten zu gehen. Ich freu’ mich auf den Kontakt mit den Kundinnen und Kunden, ich freue mich aufs Kreativsein und aufs Schöpferisch-tätig-sein-Können. Das ist einfach jeden Tag eine neue Herausforderung und irrsinnig schön.

Ich merke oft am Abend, wenn ich dann zu Hause bin und den Tag Revue passieren lasse, dass es mir einfach gut geht dabei. Und was gibt’s Schöneres in einem Job, wenn du am Abend zu Hause sitzt und sagen kannst: „Hey, war ein geiler Tag. War super, ich freue mich auf den nächsten!“

Welche sind die zwei skurrilsten Tattoowünsche, die du auch realisiert hast?
Da hat es einige gegeben. Also einmal war einer da, der wollte ein fotorealistisches Überraschungsei mit Folie. Ein bisschen später wollte er dann ein „M&M“-Tattoo haben. Das habe ich ihm dann nicht mehr gemacht. Beim Ü-Ei hab ich es noch verstanden, weil er ein Ü-Ei-Sammler war.

Das andere Mal ist ein Kunde gekommen, der am Unterschenkel nur einen schwarzen Balken tätowiert haben wollte. Über eine dreiviertel Stunde haben wir mit ihm diskutiert, warum er das eigentlich haben will. Im Laufe des Gesprächs sind wir draufgekommen, dass er eigentlich aus Peru stammt und sein Großvater bei einem Stamm im Dschungel gelebt hat. Dieser schwarze Balken ist ein Stammessymbol und er wollte ihn eigentlich als Bezug zu seinen Wurzeln haben. Dann hab’ ich das auch verstanden und ihm gemacht.

Bei mir im Studio sind wir weniger trendorientiert. Die Kundin bzw. der Kunde sollte einen persönlichen Bezug zum Tattoo haben. Daher sind auch die Beratungsgespräche vorher wichtig.

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